Der hausgemachte Teufelskreis – wie Überlastung durch systemische Mechanismen entsteht
Ein wesentlicher Faktor der Überlastung in der Kinder- und Jugendhilfe ist nicht primär der Mangel an Personal, sondern ein hausgemachter Teufelskreis, der sich aus Ausbildung, Praxislogiken und institutionellen Narrativen speist.
1. Ausbildungslogiken erzeugen Fälle, die in der Realität nicht notwendig wären
In vielen Berichten zeigt sich, dass bestimmte Methoden und Deutungsmuster bereits in der Ausbildung vermittelt werden:
– problemorientierte statt ressourcenorientierte Sichtweisen
– suggestive oder manipulative Gesprächstechniken
– ein Fokus auf Risikokonstellationen statt auf tatsächliche Gefährdung
– theoretische Modelle, die in der Praxis übergeneralisiert werden
Das führt dazu, dass Situationen, die fachlich lösbar wären, als Gefährdung interpretiert werden, obwohl keine objektive Grundlage vorliegt.
So entstehen Fälle, die künstlich erzeugt sind – nicht durch reale Gefahr, sondern durch methodische Voreinstellungen.
2. Wenn ein Fall einmal eröffnet ist, entsteht ein narrativer Zwang
Sobald ein Fall im System ist, greifen Mechanismen, die verhindern, dass er schnell wieder geschlossen wird:
– Narrative müssen konsistent gehalten werden
– einmal gesetzte Hypothesen werden selten revidiert
– Aktenlogiken erzeugen Eigendynamiken
– Fehlerkultur ist schwach ausgeprägt
– Rücknahmen werden als Risiko empfunden
Das führt dazu, dass Fälle länger laufen als notwendig, selbst wenn sich früh zeigt, dass keine Gefährdung vorliegt.
3. Die Überlastung entsteht nicht durch zu viele echte Fälle, sondern durch zu viele unnötige Fälle
Wenn ein relevanter Anteil der Fallzahlen auf:
– Fehlinterpretationen
– übervorsichtige Einschätzungen
– methodisch erzeugte Risiken
– narrative Selbstverstärkung
zurückgeht, entsteht ein struktureller Stau.
Dieser Stau führt zu:
– Zeitmangel
– Überlastung
– Qualitätsverlust
– Fehlentscheidungen
– wachsender Intransparenz
Das Problem ist also nicht die Realität, sondern die Art, wie die Realität interpretiert wird.
4. Saubere Arbeit würde den Teufelskreis durchbrechen
Wenn Gefährdungseinschätzungen:
– klarer definiert
– methodisch sauberer
– weniger suggestiv
– stärker evidenzbasiert
– transparenter dokumentiert
würden, dann:
– entstünden weniger künstliche Fälle
– würden Fälle schneller geschlossen
– würde die Arbeitslast sinken
– könnten Ressourcen auf echte Gefährdungen konzentriert werden
Das System würde sich von selbst entlasten, ohne zusätzliches Personal.
5. Aktenbereinigung ist ein zentraler Hebel
Ein weiterer Punkt ist die Aktenlogik:
– einmal gesetzte Einträge bleiben bestehen
– Hypothesen werden zu „Fakten“
– Interpretationen werden zu „Ereignissen“
– alte Narrative beeinflussen neue Entscheidungen
Eine systematische Bereinigung nach Abschluss eines Falls würde:
– narrative Altlasten entfernen
– Fehlinterpretationen korrigieren
– zukünftige Entscheidungen entlasten
– Vertrauen wiederherstellen
Akten sind nicht nur Dokumentation – sie sind Steuerungsinstrumente.
Wenn sie sauber sind, wird die Arbeit sauberer.
Die Überlastung der Kinder- und Jugendhilfe ist zu einem erheblichen Teil systemisch selbst erzeugt.
Sie entsteht durch:
– methodische Fehlanreize
– narrative Selbstverstärkung
– fehlende Fehlerkultur
– mangelnde Aktenbereinigung
Eine fachlich saubere Arbeitsweise würde nicht nur die Qualität erhöhen, sondern auch die Fallzahlen senken und damit die Überlastung strukturell reduzieren, in der Behörde selbst, den Ombudsstellen, den Gerichten und in der Unterbringung/Betreuung. Jedoch ist es wesentlich einfacher einfacher Überlastung und Fachkräftemangel zu argumentieren, statt sich der unangenehmen Fragen stellen zu müssen woraus diese Überlastung resultiert, den hier müsste der Staat sich gravierende Missstände in der Arbeit der eigenen Behörden stellen. Lieber einfache Antworten auf komplexe Probleme liefern, obwohl man jährlich schon ca. 50 Mrd. Euro in ein System pumpt das sich immer mehr zu einen Faß ohne Boden entwickelt und nach mehr schreit. Und das im Grunde nur weil man keine Fehler eingestehen kann, Vertrauensverlust in das eigene System vermeiden und umfassende Reformen zur Qualitätssicherung nicht angehen will. Dabei sieht man das Problem deutlich wenn man sich die Euopäische Gesamtentwicklung ansieht: Während EU weit die Zahl der Kindeswohlgefährdungen seit Corona moderat um 5-10% angestiegen sind, scherrt Deutschland mit einem Plus von 31% gewaltig aus. Dies ist nur durch systemische Schräglage erklärbar.
Damit würden Jährlich Milliardenbeträge frei werden und der Staat würde seiner Schutzpflicht moralisch korrekt nachkommen können. Und zehntausenden Menschen würden schwere Traumata erspart bleiben.
Weitere Systemblicke:
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Machtmissbrauch als Systemfehler – Warum die Jugendhilfe reformiert werden muss
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Psychologie des Machtmissbrauchs im Kinderschutz